15. Mai 2012
· Kategorie Allgemein, Lebensart
Es herrscht absolute Ruhe. Die Ruhe nach dem Sturm. Oder besser: nach dem Gewitter. Wir wähnten es schon vorüber, steckten die Stecker wieder ein, gaben uns wieder der abendlichen Filmlust mit Megafernseher und Dolby-Surround hin und dann, aus eigentlich längst wieder heiterem Himmel, ein Riesenschlag und nur noch: nichts. Vorsichtige erste Geräusche: das Ticken der Wanduhr, der erschrockene Herzschlag, das leise Fluchen beim Suchen einer Taschenlampe. Wir haben einige Taschenlampen, ganz sicher, aber wo? Im Chaoskinderzimmer meines Sohnes forsche ich erst gar nicht: Denn sollte ich wider Erwarten die Ultraweitstrahlkraft-Leuchte finden – wären sicher die Batterien leer. In der Küche hat eine Taschenlampe ihren festen Platz – bis sie von den Kindern „nur kurz“ ausgeliehen und auf Nimmerwiedersehen verschleppt wird. Na gut, dann taste ich mich in den oberen Stock ins Arbeitszimmer, hier werde ich fündig. Ab in den Keller, Hauptschalter umlegen und siehe da: Es werde Licht! Fernseher funktioniert auch noch: Was für eine Erleichterung.
Am nächsten Morgen starte ich einen kurzen Kontrollanruf bei meinen Eltern, um zu erfahren, ob nach dem Gewitter alles in Ordnung ist bei ihnen. Allein: die Leitung ist tot. Am Telefon liegt’s nicht, wie mir das Display leuchtend versichert. Funktioniert denn das Internet? Fehlanzeige. Banger Blick auf die Schnittstellen-Box: kein Lämpchenblinken, nirgends. Also ein Handyanruf bei der Servicehotline meiner Telefongesellschaft: „Ziehen Sie bitte den Stecker, zählen bis 3 und stecken ihn wieder ein.“ Danke, so weit reichen meine technischen Fähigkeiten inzwischen, dass dies meine erste Verzweiflungshandlung ist. „Telefonieren Sie denn gerade über die Leitung mit mir?“ Hä? Sagte ich nicht gerade, dass die Leitung tot ist? „Sie brauchen eine neue ***-Box. Die können Sie ganz einfach über unsere Service-Seite ***.de bestellen.“ Wie denn, ohne Internet? Meiner Bitte, die Bestellung der Box im Rahmen des währenden Telefonats aufzunehmen, kommt die immer noch freundliche Gesprächspartnerin nach, doch ich spüre schon, dass sie mich bereits der Kategorie „schwierige Kundin“ zugeordnet hat.
Jetzt warte ich auf das Eintreffen der Box. Zurückversetzt in Prä-Flatrate-Zeiten, telefoniere mit Handy nur das absolut Nötigste, verzichte auf nervenzerrende 3-2-1.meins-Auktionen und nehme eins meiner ungelesenen Bücher zur Hand, statt mir im Internet ein weiteres Das-klingt-interessant-Buch für irgendwann zu bestellen. Hat was von Urlaub!
Bis Klick-mich-nächsten-Dienstag
Oda Gräbner von Qiéro!
8. Mai 2012
· Kategorie Familie, Lebensart
„Mama, kaufst du uns einen Hund?“ „Nein.“ „Mama, kaufst du uns einen Hund?“ „Nein.“ „Mama, kaufst du uns einen Hund?“ „Nein.“ … Meine Kinder können dieses Spiel endlos fortsetzen – und wir spielen es schon seit Jahren! Es ist ja auch nicht so, dass ich nicht durchaus liebenswerte oder vielleicht sogar besitzenswerte Hunde kennen würde. Ein befreundeter kleiner Schwarzer mit weißen Pfoten fällt mir da zum Beispiel ein: Er kann ganz toll lieb gucken, bellt nur, wenn er tatsächlich spielen will, und ist flauschig wie ein großer Staubwedel. Oder der neurotische Hund einer Bekannten, der aussieht wie eine zu prall gefüllte Nürnberger Bratwurst (das sind die kurzen!) und sich grundsätzlich zart winselnd auf meinen Füßen ablegt, wenn ich zu Besuch bin. Auch mit dem Hund meiner Schwägerin, einem bunt oder eher schwarz-weiß zusammengewürfelten Mischling, der sich nicht einmal bei der Augenfarbe entscheiden konnte und zwei gewählt hat, habe ich mich angefreundet. Seit der nämlich von einem überaus aktiven Zweithund sozialisiert und manchmal auch tyrannisiert wird, weiß er die Ruhe der Zurückgezogenheit so richtig zu schätzen: Sehr sympathisch.
Ich erfülle meinen Kindern den so ausdauernd vorgebrachten Wunsch trotzdem nicht und weiß mich da mit meinem Mann auf einer Linie. Denn brauchen wir wirklich zusätzlich zu organisierende Tagespunkte? Wer übernimmt unseren Vierbeiner, wenn wir wieder einmal auf Reisen sind? Und würden wir dem armen Viecherl zumuten unsere Urlaube zu teilen, so müssten wir Unterkünfte wählen, in denen Tiere erlaubt sind und damit unweigerlich bereits ihre haarigen und müffelnden Spuren hinterlassen haben. Verzichte dankend.
Meine Tochter hat mich darauf hingewiesen, dass ich durch meine hartnäckige Hundeverweigerung ihren Kindheitstraum habe platzen lassen, was sich leicht zu einem Kindheitstrauma ausweiten könnte. Tja, liebe Tochter, so hat eben jeder sein Packerl zu tragen.
Bis Klick-mich-nächsten-Dienstag
Oda Gräbner von Qiéro!
1. Mai 2012
· Kategorie Allgemein, Familie, Lebensart
Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, wird nicht gearbeitet. Zumindest trifft das für die Arbeit im Angestelltenverhältnis zu. Für meine Arbeit also nicht. Meine Broterwerbsbeschäftigung ist selbstständig, die teile ich mir also sowieso größtenteils selbst ein. Und meine Haus- und Familienarbeit erledige ich, wenn sie anfällt und sich nicht mehr ignorieren lässt. Wenn der Fuß sich an bestimmten Stellen jedes Mal vorwurfvoll schmatzend vom Boden löst, dann muss eben doch mal wieder gewischt werden, ganz gleich ob Mon-, Diens-, Feier-, Mittag oder Tag der Arbeit ist. Was muss, das muss.
Neulich haben sie im Radio den Tag des Bieres verkündet. Da hab ich mir nicht nehmen lassen, abends auf meinem Feierabendsofa eine Halbe zu zwitschern. Alkoholfrei, selbstverständlich, denn es war unter der Woche und keineswegs Urlaub und man hat ja (meist) seine Prinzipien. Da können auch von irgendwelchen Gremien ernannte „Tage des …“ nichts dran ändern.
Demnächst ist Tag der Mutter. Muttertag also. Höchst problematisch. Sensibles Thema. Meine Mama hat schon immer demonstrativ auf die Feier dieses Tages verzichtet mit dem Argument: „Die Kinder sollen schließlich das ganze Jahr über brav sein.“ So habe ich das auch gehalten, aber meinen armen Sohn fürchterlich gekränkt, weil ich ein von ihm im Kindergarten mühsam gebasteltes Gutschein-Briefchen für „EINMAL TISCHDECKEN“ verächtlich von mir gewiesen habe. Das Argument, er sei inzwischen alt genug, sich regelmäßig – und mit regelmäßig war definitiv nicht ein Mal im Jahr gemeint – sich also regelmäßig an der Hausarbeit zu beteiligen, dieses mein Argument wurde vom Rest der Familie schlicht als Spaßbremse erkannt angesichts der entzückend gebastelten Karte. Armes Kind. Sparen wir schon mal für den Psychiater.
Um wie viel unkomplizierter ist doch der Tag der Jogginghose. Der wird jährlich am 21. Januar begangen. (Für alle, die an meinen Worten zweifeln, hier ein kleiner Link: www.kleiner-kalender.de/event/tag-der-jogginghose/7919-welt.html) Zwar habe ich dieses Kleidungsstück sicher auch an diesem Tag getragen, wohl weniger zum Joggen als zum Alle-Fünfe-Gradseinlassen in Form der Home-alone-Hose auf dem Feierabendsofa. Aber wozu es nun unbedingt einen Tag der Jogginghose braucht und ob es etwa auch einen Tag der Highheels, einen Tag des Stringtangas und einen Tag des Bleistiftrocks gibt, das entzieht sich meiner Kenntnis.
Bis Klick-mich-nächsten-Dienstag
Oda Gräbner von Qiéro!
24. April 2012
· Kategorie Lebensart
Die Stopfleichen befinden sich bei mir in einem kleinen, netten und halbwegs antiken Hängeschränkchen. Wenn man das dazugehörige Türchen schnell genug schließt, dann fallen die vielen Socken und Hosen nicht heraus, die dort warten und warten, um vielleicht doch irgendwann gestopft und dem niemals enden wollenden Wäscheverschleiß-Kreislauf wieder zugeführt zu werden. Bei Hosenlöchern handelt es sich zumeist um die Beinkleidung meines Sohnes und ich flicke sie mit Nähmaschine und Zickzackstich, denn die praktischen JAKO-O-Flicken haben auf präpubertären Hosenbeinen leider nichts mehr zu suchen. Ich muss gestehen, dass ich mich erst mit ein paar Jahren Verspätung anfing zu fragen, warum unser Sohn, der längst dem Krabbelalter entwachsen ist, es doch immer wieder und sehr schnell schafft, die Knie seiner Hosen durchzuscheuern. Ich ging der Frage mit verschärfter Beobachtung nach und ertappte ihn dabei, wie er seiner Bewegungsfreude ungehemmt nachging, Anlauf nahm und im Flur einem Curlingstein gleich auf den Knien ausrutschte. Nun liegt dort zwar Parkett, trotzdem ist die entstehende Reibung groß genug, dass die Hose nachgibt: Das Gewebe wird dünn und dünner und selbst wenn sich Schuss- und Kettfäden noch in letzter Verzweiflung aneinanderkrallen, kann ich die hellen Stoffstellen doch nicht mehr als „modische Waschung“ verkaufen. Also, ab in das Hängeschränkchen, siehe oben.
In der Dudenredaktion sitzen ganz offensichtlich von Hausarbeit eher unbeleckte Menschen. Wie anders ist zu erklären, dass sich unter den rund 135.000 dudenfähigen Stichwörtern zwar „Autofriedhof“, die dem Eiskunstlauf zuzurechnende „Todesspirale“ und der zur Beerdigung ladende und bitte nicht mit einem Kräuterlikör zu verwechselnde „Leichenbitter“ befinden. Von „Bügelleichen“ und „Stopfleichen“ hingegen liest man nichts. Dabei könnte ich noch ohne Schwierigkeiten die „Putzleichen“ hinzufügen. Auch davon habe ich einige, und nicht nur im Keller …
Bis Klick-mich-nächsten-Dienstag
Oda Gräbner von Qiéro!
17. April 2012
· Kategorie Lebensart
Nun ist es zwar eine Binsenweisheit, dass die Zeit mit der Zeit immer schneller vergeht, aber auch an Binsenweisheiten ist eben was dran. Die immer rascher aufeinander folgenden Feste machen es spürbar: War nicht erst Weihnachten? Und jetzt ist Ostern auch schon vorbei. Also bunt bemalte Eier wieder in Kartons, diese in Kisten und diese auf dem Speicher verstauen. Die mit kleinen Hasen und Küken bestickten Kitsch-Deckchen wandern in die Waschmaschine, an die Leine und auf den Bügelhaufen. Darauf und immer wieder drauf kommen die frisch gewaschenen Shirts, Hosen und weiß nicht was. Der Bügelberg wächst und wächst, ab und zu wird ein Stündchen lang abgearbeitet (mit laufendem Fernseher, damit diese Tätigkeit nicht zu dröge ist. Aber bitte nichts zu Spannendes, das hat schon Brandflecken an Hemden und Händen gegeben!). Die dieser Arbeit zugedachte Zeit langt aber nie, um den kompletten Knitter-Kleider-Berg abzubügeln, die wichtigsten und beliebtesten Teile werden herausgezogen und selbstverständlich vorrangig geglättet. Und so kommt es …
Wieder naht eine Hausdekorationsphase (Weihnachten, Ostern, ganz gleich). Und die entsprechenden Deckchen werden gesucht. In den Fächern mit Tischdecken, Servietten und Deckchen sind sie nicht (selbst wenn sie da definitiv hätten sein sollen!). Wo aber dann? Ich begebe mich – Übles ahnend und schlechten Gewissens – in den Keller zu unserem Bügelberg. Und tatsächlich, gut konserviert um nicht zu sagen mumifiziert unter dem sich stets erneuernden Berg frisch gewaschener und auf das Bügeleisen wartender Wäsche … liegen sie, die Bügelleichen vom letzten Jahr. Wie schnell war das wieder rum …
Bis Klick-mich-nächsten-Dienstag
Oda Gräbner von Qiéro!
10. April 2012
· Kategorie Kunst
Frauenbilder – von Fotografien nahestehenden Portraits bis zur Unkenntlichkeit gemalt. Frauenbilder – im wollüstigen Rausch produziert von drei Männern, die ihr Leben von Frauen geprägt sahen, sich selbst über das Gegenbild Frau definierten und Frauen großen Raum in ihrem Leben ließen – selbstverständlich vorausgesetzt, diese schränkten ihr eigenes dafür ein.
Es sind durchaus zwiespältige Gefühle, die sich regen beim Betrachten der Ausstellung „FRAUEN FRAUEN FRAUEN PICASSO BECKMANN DE KOONING“ in der Münchner Pinakothek der Moderne. Aber aufwühlende Emotionen gehören ja zu einer guten Ausstellung dazu – und gut ist sie! Nicht verzichten sollte man allerdings auf den Audioguide, ohne den einige Gemälde nur Farbhaufen blieben und der durch Erklärungen und ergänzendes Bildmaterial bis zu Filmaufnahmen der Künstler die Bilder ins Erkenntnislicht rückt.

Pablo PICASSO – der bekannteste der drei Künstler und der mit dem größten Frauenverschleiß. Mit 82 Jahren malt er das hier vorgestellte Bild „Maler und Modell“, eines von etlichen diesen Namens. Seinem vorgerückten Alter ist geschuldet, dass er die Frau, das Modell in lebensstrotzendem vegetativem Grün zu seinem Leidwesen nur noch mit Kopf und Malerpinsel bearbeiten kann, beides die einzigen ebenfalls grünen Stellen des ansonsten in greisenhaft kalten Farbtönen gehaltenen Malers.

Max BECKMANN – der beide Ehefrauen von einer Karriere als Malerin abbringt: Das ist der Preis, den sie dafür bezahlen, dass der Künstler sein Leben mit ihnen teilt. Die hier nicht lange vor der Scheidung portraitierte Minna Beckmann-Tube findet Erfüllung als gefeierte Sängerin – und hält trotz allem bis zu seinem Lebensende liebevollen Kontakt zu Beckmann.

Willem DE KOONING – dessen katastrophale Frauenbilder geprägt sind von der Hassliebe zu seiner Mutter, die als besitzergreifend, starrköpfig, manipulativ und in der Liebe verschlingend gezeichnet wird. „Woman V“ ist eines seiner Bilder der Ausstellung, auf dem auf Anhieb noch am meisten zu erkennen ist …
Die Ausstellung läuft noch bis zum 15. Juli – und ist allemal eine Reise wert!
Bis Klick-mich-nächsten-Dienstag
Oda Gräbner von Qiéro!